Die Illusion der völlig glatten Schiene
Wenn Sie sich in unserer Praxis über „unsichtbare“ Zahnschienen informieren, haben Sie meist Bilder von makellos glatten, völlig unsichtbaren Kunststoffschienen im Kopf. Die Realität der modernen Kieferorthopädie sieht jedoch etwas anders aus.
Damit wir Ihre Zähne nicht nur optisch ein wenig begradigen, sondern medizinisch korrekte hochkomplexe Bissumstellungen durchführen können, reicht eine einfache Kunststoffschiene oft nicht aus. Die Schiene braucht „Griffe“, um die Zähne drehen, heben oder senken zu können. Hier kommen die sogenannten Attachments und biomechanischen Hilfsmittel ins Spiel.
Das kleine Einmaleins der Aligner-Hilfsmittel
Je anspruchsvoller oder schwieriger Ihre Zahnfehlstellung ist, desto mehr dieser zusätzlichen Elemente werden wir benötigen. Das mag im ersten Moment abschrecken, ist aber ein enormer medizinischer Fortschritt. Vor der Erfindung dieser Hilfsmittel waren schwierige Fälle ausschließlich mit der festen Zahnspange (Brackets) lösbar. Attachments machen die unsichtbare Zahnkorrektur für schwere Fälle überhaupt erst möglich!
- Attachments: Winzige zahnfarbene Erhebungen aus Kunststoff, die direkt auf den Zahn geklebt werden. Sie dienen der Schiene als Ankerpunkt, um einen Zahn beispielsweise um seine eigene Achse zu drehen oder ihn aus dem Kiefer herauszubewegen (Extrusion).
- Buttons (Knöpfchen): Kleine, meist aus Metall oder Kunststoff bestehende Knöpfe, die auf die Zähne geklebt werden, um dort elastische Gummizüge einzuhängen, die Ober- und Unterkiefer miteinander verbinden.
- Power Arms: Hebelartige Verlängerungen, die oft an den Schienen oder direkt am Zahn befestigt werden, um Wurzeln massiv und körperlich zu bewegen – meist nötig, wenn Lücken nach Extraktionen geschlossen werden.
- Bite Ramps/Power Ridges: Spezielle Einbuchtungen oder Verdickungen direkt im Kunststoff der Schiene. Bite Ramps (Biss-Hebungen) werden oft hinter den oberen Schneidezähnen platziert, um einen tiefen Biss zu korrigieren, indem sie verhindern, dass der Patient die Backenzähne vollständig schließt.
Das Geheimnis der Trim-Line: Warum Invisalign oft mehr Attachments braucht
Wenn wir über Attachments sprechen, müssen wir über ein technisches Detail sprechen, das Patienten fast nie kennen: die Trim-Line (die Schnittkante der Schiene).
Die Trim-Line bestimmt, wo die Zahnschiene am Zahnfleischrand aufhört. Hier gibt es fundamentale Unterschied zwischen den Herstellern auf dem Markt:
- Die niedrige Trim-Line (z.B. Invisalign): Invisalign schneidet seine Schienen exakt entlang des bogenförmigen Zahnfleischrandes ab (scalloped margin). Das Material ist zudem extrem flexibel und dünn. Der Vorteil: Es ist an der Zahnfleischgrenze extrem unauffällig. Der Nachteil: Da die Schiene den Zahn nicht über den Zahnfleischrand hinaus umschließt, fehlt ihr der mechanische Halt (Retention). Um diesen Halt künstlich zu erzeugen und ein Abrutschen der Schiene zu verhindern, muss Invisalign bei fast jedem Schritt massiv auf Attachments zurückgreifen.
- Die hohe Trim-Line (zum Beispiel ClearCorrect von Straumann): Andere Premium-Systeme wie ClearCorrect wählen einen gerade Schnitt, der etwa 2 mm über dem Zahnfleischrand (auf dem Zahnfleisch) verläuft. Dadurch umschließt die Schiene den Zahn viel großflächiger. Sie klammert sich förmlich fest. Der Vorteil: Wir benötigen bei diesen Systemen deutlich weniger Attachments auf den Zähnen, da die Schiene von Natur aus eine viel höhere Kraftübertragung und Stabilität besitzt.
Das größte Risiko: Warum Ihre Tragezeit über alles entscheidet
Attachments sind hervorragende Werkzeuge, aber sie bergen ein Risiko, wenn die Patienten-Mitarbeit (Compliance) fehlt.
Damit die Schiene den Zahn bewegen kann, muss das kleine Kunststoff-Attachment auf Ihrem Zahn exakt in die dafür vorgesehene Ausbuchtung in der Zahnschiene einrasten.
Wenn Sie Ihre Schienen nicht konsequent die geforderten 22 Stunden pro Tag tragen, passiert Folgendes: Die Zähne bewegen sich nicht schnell genug mit. Wenn Sie dann nach einer Woche die nächste Schiene einsetzen, passt das Attachment auf dem Zahn nicht mehr exakt in die Ausbuchtung der Schiene. Die Schiene steht ab, der Zahn verliert den Kontakt (das sogenannte „Tracking“geht verloren).
Die Folge: Die Schiene drückt nun nicht mehr mit dem Attachment, sondern gegen das Attachment in die völlig falsche Richtung. Die Therapie stagniert komplett, wir müssen neue Abdrücke (Scans) nehmen und oft noch mehr Attachments kleben, um den Fehler auszugleichen.
Die goldene Regel lautet daher: Eine exzellente Tragezeit hilft uns dabei, die Anzahl der nötigen Attachments im Laufe der Behandlung drastisch zu reduzieren.
FAQ – Häufige Fragen zu Attachments und Aligner-Zusätzen
Nein, das Aufkleben der Attachments ist völlig schmerzfrei. Es wird nicht gebohrt. Die Zahnoberfläche wird lediglich leicht angeraut, mit einem Haftvermittler bestrichen und das zahnfarbene Komposit wird mit einer speziellen Lampe ausgehärtet.
Die Attachments bestehen aus zahnfarbenem Füllungsmaterial und passen sich Ihrer natürlichen Zahnfarbe an. Wenn Sie die Schienen tragen, reflektiert der Kunststoff das Licht etwas anders, sodass man sie bei genauem Hinsehen erkennen kann. Aus normaler Gesprächsdistanz bleiben sie jedoch nahezu unsichtbar.
Ja, das kann passieren, besonders wenn Sie beim Essen der Schienen auf sehr harte Lebensmittel beißen. Sollte sich ein Attachment lösen, ist das kein Notfall, sollte aber zeitnah in der Praxis wieder angeklebt werden, damit der Zahn nicht aufhört, sich zu bewegen.
Das Füllungsmaterial selbst verfärbt sich kaum, aber an den winzigen Rändern des Attachments können sich Farbstoffe aus Kaffee, Tee, Rotwein oder Kurkuma absetzen. Eine extrem gute Zahnhygiene ist daher Pflicht, damit die Attachments unsichtbar bleiben.
Sie werden am Ende der Behandlung mit einem speziellen Polierinstrument sanft und spurlos vom Zahnschmelz herunterpoliert. Ihr natürlicher Zahn nimmt dabei keinerlei Schaden.
Transparenz-Hinweis: Die Artikel auf ilovemysmile.de werden nicht von Aligner- oder Dentalherstellern bezahlt und orientieren sich an wissenschaftlichen Fachgesellschaften.


